Die Übernahme.

Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was genau lief im Osten ab, als er vom Westen übernommen wurde? Worin unterscheidet sich Ostdeutschland von anderen Regionen in der Bundesrepublik? In zwölf Kapiteln beschreibt der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, wie es zur Implosion der DDR, der sogenannten Revolution kam, und zu dem, was daraus folgte. Ohne Scheuklappen stellt er in seinem Buch Fakten neben persönliche Erfahrungen.

Er berichtet von der unvorstellbaren Revolution, dem unglaublichen letzten Jahr der DDR und dem nicht so alternativlosen Beitritt nach Artikel 23 Grundgesetz. Seine akribische Rekonstruktion der sich rasant überschlagenden Ereignisse liest stellenweise wie ein Mafia-Krimi.

Die Revolution in der DDR und der Fall der Mauer kam für alle Beteiligten völlig überraschend. Fast nichts blieb im Osten so, wie es war. Mit der D-Mark galten die harten Gesetze des Kapitalismus, es war für die meisten wie ein monetärer Urknall, auf den der wirtschaftliche Zusammenbruch und die soziale Katastrophe folgten. Die Menschen mussten ihren Alltag – ihr gesamtes Leben – von heute auf morgen komplett neu einrichten. Die sozialen Folgen waren enorm und sind im Westen bis heute meist unbekannt.

In einem weiteren Kapitel beschreibt er den Elitenaustausch und die Entwertung ostdeutscher Kultur. Auch beleuchtet er die fragwürdige Rolle der Medien bei der Aufarbeitung der SED-Diktatur als Stasi-Staat und damit die Umkehrung der Rolle von „Herr“ (SED) und „Diener“ (MfS).

In seinem kurzweiligen und spannenden Essay zeigt Kowalczuk, wie sich die Umwandlung Ostdeutschlands vollzog, welche Gewinne und Verluste die Menschen dort verbuchen mussten, und wie die ostdeutsche Gegenwart mit der Vergangenheit von vor und nach 1989 zusammenhängt.

Eine kontroverse Debatte zum Jubiläum ist garantiert. Und die Narben der sogenannten Wende schmerzen auch nach 30 Jahren noch.

Eine sehr lesenswerte, faktenbasierte Rekonstruktion der Ereignisse und ihrer Hintergründe der 1990er Jahre.

Wolfgang Hoffmann